Von Ines Baur, 02.07.2018

Computerspielsucht Wenn Spielen krank macht

Die Weltgesundheitsorganisation WHO macht Online-Spielsucht offiziell zur Krankheit. Wie erkenne ich Computerspielsucht? Zahlt die Krankenkasse Therapiekosten?
Computerspielsucht Wenn Spielen krank macht

Computerspielsucht oder normales Freizeitvergnügen? Das ist nicht immer leicht zu unterscheiden.

„Hast Du schon Hausaufgaben gemacht oder bist du am PC zum Spielen? “, „Du verbringst mehr Zeit mit deinem Smartphone als mit mir.“ Mediennutzung ist immer öfter ein zwischenmenschliches Thema. Die Aufnahme von exzessivem Online-Spielen als Sucht-Krankheit "Gambling disorder, predominantly online" in den Katalog der WHO, verunsichert Eltern, Partner und Gamer selbst.

"Deutschland ist ein Land der Gamer"

Der Markt für Konsolen, Computer- und Videospiele ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. So legte er von 2016 bis 2017 um 15 Prozent auf rund 3,3 Milliarden Euro zu. „Ob auf dem Smartphone unterwegs oder auf PC und Spielekonsole zu Hause: Deutschland ist ein Land der Gamer“, sagt Felix Falk, Geschäftsführer von game, dem Verband der deutschen Games-Branche. Junge Erwachsene und Jugendliche machen das Gros an Spielern aus. Laut IT-Branchenverband Bitkom spielen 74 Prozent der 14- bis 29-Jährigen und 63 Prozent der 30- bis 49-jährigen Videospiele.

Deutschland ist vernetzt. Internetanschluss und PC sind ebenso wie TV und Spülmaschine Bestandteile des täglichen Lebens. Laut Statista waren im Jahr 2017 rund 93 Prozent aller Haushalte mit einem Internetanschluss ausgestattet und 90 Prozent hatten einen PC. Handy, Computer, Videospiele, Online-Zocken – es gehört einfach dazu. Rolle rückwärts ausgeschlossen. Doch ab wann ist Online-Spielen ungesund? Wann ist man süchtig?

Computerspielsucht: Die Dosis macht das Gift

„Spielsüchtig ist jemand, der Freunde und Familie vernachlässigt, der keinen normalen Schlafrhythmus mehr hat, sich wegen des ständigen Spielens schlecht ernährt oder sportliche Aktivitäten sausen lässt“, erklärt Vladimir Poznyak vom WHO-Programm Suchtmittelmissbrauch. „Es gibt klare Grenzen zwischen normalem Spielen und Spielsucht“, sagt der Experte. Die WHO formuliert drei Kriterien, an denen man exzessive Spielsucht erkennen kann:
  • entgleitende Kontrolle etwa bei Häufigkeit und Dauer des Spielens,
  • wachsende Priorität des Spielens vor anderen alltäglichen Aktivitäten
  • Fortsetzen des Spiels selbst bei Auftreten von negativen Konsequenzen.

Flucht in die Online Welt als Symptom, nicht als Ursache sehen

Viele Kritiker warnen vor der Diagnose und Pathologisierung der Online-Spieler. „Wir finden es problematisch, wenn das Spielen pathologisiert und die Spieler stigmatisiert werden“, sagt Felix Falk. „Einige wenige Menschen spielen exzessiv und das ist problematisch“. Die Kritik an der WHO, die Computerspielsucht als eigene Krankheit zu katalogisieren, kommt allerdings nicht nur aus der Zocker-Szene und von den Herstellern. Eine Reihe von Wissenschaftlern sehen maßlose Mediennutzung - gerade bei Jugendlichen - als gesellschaftlich relevantes Problem an.

"Es besteht das Risiko, dass solche Diagnosen missbraucht werden", schrieben Andy Przybylski, Psychologe der Universität Oxford und 30 seiner Kollegen in einem offenen Brief. Es müsse vielmehr geprüft werden, ob bei exzessiv spielenden Patienten nicht eher der Sucht zugrunde liegende Probleme wie Depression oder soziale Angststörungen behandelt werden müssten.

Denn Online-Spielsucht ist oft ein Symptom, die Ursache liegt ganz woanders. Beispielsweise kann ein Mensch mit Depressionen sich in der virtuellen Welt verlieren. Hier vergisst er seinen Frust, schlüpft in ein Leben ohne die Sorgen und Ängsten der realen Welt. Oder Menschen mit geringem Selbstwertgefühl erlangen in Online-Rollenspielen mit ihrem Avatar Anerkennung und integrieren sich in Gruppen - im Gegensatz zum richtigen Leben - und finden Freunde. Die Diskussion ist da: Sind Betroffene tatsächlich "süchtig" nach der Online-Nutzung oder gibt es andere Defizite? Und: Es gibt mehr Spieler, die kein Problem mit der Nutzung des Mediums haben.

Anonymer Selbsttest des Spielverhaltens

Wer sich Sorgen um das eigene Spielverhalten oder das eines nahestehenden Menschen macht, kann bei der Charité einen kurzen anonymen Selbsttest machen. Bei Unsicherheiten bietet die Uni eine Hotline mit individueller Erstberatung in einem anonymen Telefongespräch. Weitere Informationen zum Thema, Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und Kliniken findet man auch bei Spielsucht-Therapie.de

Computerspielsucht: Wer bezahlt eine Therapie?

Hat man sich selber als gefährdet oder gar süchtig und möchte sich therapieren lassen, kann man als gesetzlich Versicherter auf eine Kostenübernahme durch die Gesetzliche Krankenkasse (GKV) hoffen. „Für eine mögliche psychotherapeutische Behandlung zu Lasten der Kassen ist ein eigener ICD-Code für Internetsucht/Computerspielsucht/Mediensucht nicht zwingend erforderlich“, erklärt Claudia Widmaier vom GKV-Spitzenverband. Der Patient wird meistens wegen einer psychischen Grunderkrankung behandelt. Die Behandlung verläuft meist als Verhaltenstherapie im Rahmen einer ambulanten oder (teil)stationären Psychotherapie. Über eine Krankschreibung entscheidet der behandelnde Arzt.

Bei der GKV gilt: Psychotherapeutische Leistungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung sind antrags- und genehmigungspflichtige Leistungen. „An der generellen Frage, ob eine Behandlung zu Lasten der GKV möglich ist, wird sich nichts ändern. Auch wenn vielleicht künftig auf der Abrechnung unter Umständen ein anderer Code erscheint“, erklärt Widmaier. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen bei nachgewiesener Notwendigkeit die Kosten der psychotherapeutischen Behandlung bei einem Vertragspsychotherapeuten. Maximal 300 Gesprächsstunden sind für eine analytische Therapie möglich. Eine tiefenpsychologische fundierte Psychotherapie braucht maximal 100, eine Verhaltenstherapie 80 Stunden.
Vergleich Private Krankenversicherung
Sämtliche Angaben ohne Gewähr

Privatversicherte sollten nachfragen

Private Krankanversicherungen erstatten zwar Rechnungen von Psychotherapeuten bis zum 2,3-fachen Satz. Trotzdem darf ein Privatversicherter nicht davon ausgehen, dass hier die Leistungen der Privaten auch besser sind. Je nach Vertrag und Tarif kann sogar der gegengesetzte Fall eintreten. Denn für Privatpatienten gibt es keine einheitlichen Regelungen, viele private Versicherungen leisten bei ambulanter Psychotherapie weniger als die gesetzlichen. Je nach Police wird eine Psychotherapie zwar erstattet, doch bekommt der Patient nur 10, 25 oder 30 Stunden pro Jahr genehmigt. Braucht man mehr Therapiestunden, müssen die aus eigener Tasche gezahlt werden.

„Die Anerkennung von Computerspielsucht als eigenständige Diagnose durch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat keine Auswirkungen auf den Versicherungsschutz in der Privaten Krankenversicherung“, erklärt Christina Beinke vom Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. „Gemäß § 5 Abs. 1b der Musterbedingungen der Krankheitskostenversicherung (MB/KK 2009) besteht für Entziehungsmaßnahmen einschließlich Entziehungskuren keine Leistungspflicht. Das umfasst auch die Suchtentwöhnung für Computerspielsucht. Allerdings können die PKV-Unternehmen von den Musterbedingungen abweichen und den Versicherungsschutz um die Suchtentwöhnung tarifindividuell ausweiten. Diese Entscheidung liegt dann beim jeweiligen Versicherer.“

Tipp:
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