Von Peter Rensch, 21.12.2018

Nachlass Erbe annehmen oder ausschlagen?

Mit einem Nachlass sind Verbindlichkeiten, Risiken und Pflichten verbunden. Wie Sie verhindern, durch eine Erbschaft in eine Schuldenfalle zu geraten.
Nachlass Erbe annehmen oder ausschlagen?

Ein Nachlassverwalter kann bei unklaren VermögensverhĂ€ltnissen eines Erblassers eine große Hilfe sein.

Nicht immer ist mit einer Erbschaft auch ein Vermögenszuwachs verbunden. Im Extremfall mĂŒssen Sie fĂŒr die Verbindlichkeiten des Erblassers aufkommen und können in eine Haftungsfalle geraten. In diesem Fall stehen Sie vor der Frage, ob Sie das Erbe annehmen oder ausschlagen sollen. Wichtig ist, dass Sie Ihre Rechte als „vorlĂ€ufigen“ Erben kennen und gesetzlich vorgeschriebene Fristen einhalten.

Verschaffen Sie sich einen Überblick zum Nachlassbestand

Hat Sie das Nachlassgericht schriftlich darĂŒber informiert, dass Sie ErbbegĂŒnstigter sind, sollten Sie sich einen Überblick ĂŒber den Nachlass verschaffen, sofern es Unklarheiten ĂŒber das Vermögen oder eventuelle Verpflichtungen gibt.

Dazu ist zu empfehlen, in den WohnrĂ€umen des Erblassers nach wichtigen Unterlagen zu suchen. Sichten Sie alle KontoauszĂŒge, KreditvertrĂ€ge, Versicherungen und Unterlagen zu sonstigen Vermögenswerten oder Verbindlichkeiten. Je detaillierter Sie die Dokumente prĂŒfen, desto genauer können Sie bewerten und einschĂ€tzen, ob Sie das Erbe antreten oder ausschlagen wollen.

Tipp: Wenn Sie keinen SchlĂŒssel zur Wohnung oder zum Haus haben, können Sie einen SchlĂŒsseldienst beauftragen und sich mit dem Schreiben vom Nachlassgericht legitimieren.
Ausnahmefall: Wenn die Wohnung oder das Haus durch das Nachlassgericht versiegelt wurde, dĂŒrfen Sie nur mit Zustimmung des Nachlassgerichts die WohnrĂ€ume betreten.

Ausgeschlagenes Erbe kann an Kinder ĂŒbergehen

Jan Bittler, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Deutschen Vereinigung fĂŒr Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV) erklĂ€rt: "Bedenken Sie, dass bei einer Ausschlagung der Erbschaft die Verpflichtungen auf die nĂ€chsten Personen der Erbfolge ĂŒbergehen. Also beispielsweise die Kinder, dann die nĂ€chsten Verwandten. Ich kenne FĂ€lle, in denen Erben die Schulden beglichen haben, um nicht die gesamte Familie in die Abwicklung der Nachlassschulden zu verwickeln.“

Tipp: Lesen Sie hier, wie die gesetzliche Erbfolge ist.

Haftung auf den Nachlass beschrÀnken

Der Experte weist daraufhin, dass die Ablehnung der Erbschaft im Nachhinein in AusnahmefÀllen wieder angefochten werden und nach KlÀrung der Finanzlage der Nachlass erneut wieder angenommen werden kann. Bestehen trotz Sichtung der Unterlagen weiterhin Zweifel an der Erbschaft, haben Sie die Möglichkeit, die Haftung auf den Nachlass zu beschrÀnken.

Recht auf DĂŒrftigkeitseinrede

„Vermischen Sie niemals das eigene Vermögen mit dem Nachlass, sondern beschrĂ€nken Sie die Verpflichtungen gegenĂŒber den GlĂ€ubigern alleine auf die Erbschaftsmasse“, erklĂ€rt Jan Bittler. „Wenn GlĂ€ubiger Forderungen stellen, senden Sie ihnen die KontoauszĂŒge zu und teilen Sie mit, dass der Nachlass ĂŒberschuldet ist. Nach Paragraf 1990 BGB haben Sie das Recht auf eine DĂŒrftigkeitseinrede. Das bedeutet, Sie haben als Erbe das Recht, die NachlassglĂ€ubiger nur dann zu befriedigen, wenn der Nachlass ausreicht.“

Das bedeutet, dass Sie die Erbschaft annehmen und bei spĂ€terer Feststellung einer Überschuldung durch eine Nachlassinsolvenz die Haftung auf den ĂŒbernommenen Nachlass beschrĂ€nken. In diesem Fall haften Sie nicht mir Ihren privaten Vermögen.

Erbe rechtzeitig ausschlagen

Wichtig: Die Ausschlagungsfrist fĂŒr das Erbe betrĂ€gt sechs Wochen. Falls Sie sich bei Bekanntgabe des Testaments im Ausland befanden, liegt die Frist bei sechs Monaten.

Dr. Anton Steiner, Fachanwalt fĂŒr Erbrecht und PrĂ€sident Deutsches Forum fĂŒr Erbrecht e.V., empfiehlt: „Die Frist fĂŒr die Ausschlagung des Erbes betrĂ€gt in der Regel sechs Wochen. Wenn innerhalb dieser Zeit nicht ausgeschlagen wurde, dann gilt das Erbe automatisch als angenommen. Oft ist diese Frist nicht ausreichend, um sich einen Überblick zum Bestand des Nachlasses zu verschaffen, zumal der Erbe ja das Problem hat, dass er vor Annahme der Erbschaft in der Regel nicht auf die Unterlagen des Nachlasses zugreifen kann. Im Zweifel empfehle ich allerdings, die Erbschaft anzunehmen.“

Angenommene Erbschaft innerhalb von sechs Wochen anfechten

Wenn sich dann herausstellt, dass das Erbe ĂŒberschuldet ist, kann die Annahme der Erbschaft meist noch angefochten werden (ebenfalls innerhalb einer Frist von sechs Wochen). Steiner weiter: „Sollte im Einzelfall die Anfechtung nicht möglich oder verspĂ€tet sein, kann der Erbe seine Haftung immer noch auf den ĂŒbernommenen Nachlass beschrĂ€nken, muss also nicht mit eigenem Geld haften. Die Einzelheiten sind so kompliziert, dass in jedem Fall frĂŒhzeitig der Rat eines Fachanwalts fĂŒr Erbrecht gesucht werden sollte.“

Erbschaftsteuer-Rechner

Ob und wie viel Erben zahlen mĂŒssen

Nachlassinsolvenz bei Überschuldung

Sobald Sie Kenntnis ĂŒber den ĂŒberschuldeten Nachlass haben, mĂŒssen Sie oder ein Miterbe unverzĂŒglich beim Insolvenzgericht den Antrag auf eine Nachlassinsolvenz stellen. VersĂ€umen Sie diesen Schritt, mĂŒssen Sie den GlĂ€ubigern die daraus entstehenden SchĂ€den ersetzen.

Als nĂ€chstes wird ein Insolvenzverwalter aktiv, der als Nachlassverwalter auftritt. Dieser verschafft sich einen Überblick ĂŒber die offenen Verbindlichkeiten aus der Erbschaft und nimmt Kontakt mit den GlĂ€ubigern auf. Können nicht alle Schulden aus dem Nachlass beglichen werden, macht er gegenĂŒber den GlĂ€ubigern VorschlĂ€ge, vorhandenes Vermögen zum Abbau der Verbindlichkeiten zu verteilen.

Dazu Anton Steiner: „Nachlassinsolvenz kann beantragt werden, wenn sich herausstellt, dass der Nachlass ĂŒberschuldet und/oder zahlungsunfĂ€hig ist. Der Erbe haftet dann nicht mit eigenem Vermögen. Ist der Nachlass so dĂŒrftig, dass nicht einmal die Kosten eines Insolvenzverfahrens gedeckt werden, kann der Erbe auch ohne Nachlassinsolvenzverfahren die sogenannte DĂŒrftigkeitseinrede erheben. Auch dies bewirkt, dass er nicht mit eigenem Geld fĂŒr Schulden des Erblassers haftet.“

Risiken bei einer Nachlassinsolvenz

Aber Vorsicht: Die Kosten fĂŒr eine Nachlassinsolvenz sind recht hoch und gerichtlich kann sie sogar abgelehnt werden, wenn das Erbe womöglich nicht die Kosten des Verfahrens deckt. Dem können Sie als Erbe nur entgehen, wenn Sie es ausschlagen, was jedoch nicht mehr im Nachhinein möglich ist, wenn Sie es bereits angetreten haben.

Hierzu Jan Bittler: „Wenn der Verdacht einer Überschuldung des Nachlasses besteht, empfehle ich die Einschaltung eines Insolvenzverwalters, der im Auftrag der Erben die komplette Nachlassabwicklung durchfĂŒhrt.“

Nachlassverwalter regelt die Schuldenverteilung

Sie können auch direkt beim Nachlassgericht einen Nachlassverwalter bestellen, der sich einen Überblick ĂŒber die Erbmasse verschafft. Diese Variante kann unter anderem dann von großer Bedeutung sein, wenn Erblasser und Erbe in einer hĂ€uslichen Gemeinschaft gelebt haben. In diesem Falle ist nicht immer eindeutig, was zum Vermögen des Hinterbliebenen zĂ€hlt und was in den Nachlass fĂ€llt. Der Nachlassverwalter erstellt ein Schuldenverzeichnis und versucht die offenen Forderung bestehender GlĂ€ubiger zu begleichen. Bleibt ein Überschuss, wird dieser an die Erben verteilt.

Die Kosten fĂŒr den Nachlassverwalter sind nicht eindeutig beziffert, sondern hĂ€ngen vom Arbeitsaufwand und von der Höhe der Vermögenswerte ab. Jedoch lohnen sich diese Kosten, wenn nicht abzusehen ist, ob der Nachlass nicht zur Geldfalle fĂŒr die Erben wird.

Fazit: GrundsĂ€tzlich ist es ratsam, schon zu Lebzeiten den Nachlass testamentarisch zu regeln und Unterlagen zu den VermögensverhĂ€ltnisse so aufzustellen, dass die Erben einen schnellen Überblick zur Nachlass-Situation erhalten.

Tipp:
Lesen Sie hier, wem bei Erbschaften und Schenkungen ein Pflichtteil zusteht.
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