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Vitaminpillen für Kinder

Bestenfalls überflüssig

25.09.2009
Von Sandra Petrowitz
Gummibärchen mit Vitaminen, leicht zu schluckende Multivitamin-Kapseln, mit Mineralien angereicherte Lutschtabletten: Die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln setzen immer stärker auf Schüler als Konsumenten ihrer Produkte – und auf die Eltern der Kinder als Käufer. Die Präparate, so versprechen die Unternehmen, sollen Konzentration sowie Lern- und Leistungsvermögen steigern und Kinder vor einer Mangelversorgung schützen.
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Gesundheitsexperten und Verbraucherschützer sagen allerdings: Eine ausgewogene Ernährung liefert Kindern alle Vitamine und Mineralstoffe, die sie brauchen. Nahrungsergänzungsmittel sind teuer und bestenfalls überflüssig – manche können sogar schaden.

Viele Produkte überdosiert

Die Stiftung Warentest hat kürzlich 23 Nahrungsergänzungsmittel für Kinder untersucht. Ihr Fazit fiel ernüchternd aus: Die Hälfte der Produkte war überdosiert; nur fünf enthielten weder kritische Mineralstoffe noch eine Überdosis Vitamine. Bei den Untersuchungen orientierten sich die Tester an den Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung. Die sind relativ streng und sehen zum Beispiel vor, dass Kinder Mineralstoffe wie Zink, Kupfer, Mangan und Eisen gar nicht extra bekommen sollen – im Essen steckt genug davon.

Auf dieser Grundlage enthielten zwölf getestete Präparate zu viel Vitamin A, zehn Präparate Mineralstoffe, die nicht in Kinder-Nahrungsergänzungsmitteln enthalten sein sollten, und manches Produkt bestand aus einer wilden Mischung von Nährstoffen, die in dieser Form und so hoch konzentriert in der Natur überhaupt nicht vorkommen. Da sind dann auch Substanzen drin, die gar nicht drin sein sollten – etwa Afa-Algen, die Giftstoffe enthalten können.

60 Prozent der Eltern verabreichen Vitaminpillen

Dennoch geben offenbar viele Eltern ihren Kindern Nahrungsergänzungsmittel: Eine Online-Umfrage der Stiftung Warentest ergab, dass mehr als 60 Prozent der Eltern, die an der Umfrage teilnahmen, ihren Kindern schon mal Vitaminpillen, Sirups oder Kautabletten gekauft haben. Jeder Zweite, der die Produkte nutzt, gibt sie seinen Kindern sogar täglich.

Neben der Stärkung der Abwehrkräfte war einer der Hauptgründe die Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit oder Schulleistung; Ursula Loggen von der Stiftung Warentest vermutet, dass der Leistungsdruck in den Schulen für die Eltern ein Motivationsgrund ist, die Präparate zu verabreichen. „Nach derzeitigen Kenntnissen sind Nahrungsergänzungsmittel überflüssig, mit Ausnahme besonderer Bedarfs- oder Risikogruppen“, so Loggen. Zu denen gehörten aber nicht typischerweise die Kinder. Viel wichtiger sei, dass Kinder regelmäßig mit ihren Eltern gemeinsam und abwechslungsreich essen.

Ergänzungsmittel steigern nicht die Konzentrationsfähigkeit

Wer sich von Pillen und Pülverchen eine bessere Konzentrationsfähigkeit oder größere Lernerfolge verspricht, ist nach Ansicht der Experten auf dem Holzweg. „Nahrungsergänzungsmittel sollen nicht heilen oder lindern, und sie steigern auch nicht die Leistungsfähigkeit oder die Konzentration“, sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Wie ihr Name schon sagt: Sie sollen ergänzen, und zwar bei Defiziten in der Ernährung.“ Das Paradoxe: Kinder, die von ihren Eltern Nahrungsergänzungsmittel bekommen, sind meist ohnehin schon gut versorgt. Clausen: „Bei ausgewogener Ernährung sowie genügend Zeit für Spiel, Sport, Spaß und Schlaf brauchen Kinder keine pharmazeutischen Extras, um gesund und fit zu sein.“

Obendrein sind die Kinder-Nahrungsergänzungsmittel alles andere als billig. Rund 30 Millionen Euro geben die Deutschen im Jahr dafür aus, schätzen Experten. Die von der Stiftung Warentest untersuchten Mittel kosten zwischen 7 Cent und 1,40 Euro am Tag. Vor allem wenn mehrere Präparate genommen werden, können in der Woche leicht Kosten von über 10 Euro entstehen.

Zufuhr-Empfehlungen meistens für Erwachsene

Dazu kommt: Die auf Verpackungen und Beipackzetteln angegebenen Tageswerte basieren – so will es das Gesetz – auf Empfehlungen für Erwachsene und nicht für Kinder. Für die ABC-Schützen sind die Präparate dann schnell überdosiert, wenn die Zufuhr-Empfehlungen für das Produkt unklar sind oder nicht genau eingehalten werden. Außerdem gingen viele Eltern nach dem Motto „Viel hilft viel“ vor und gäben ihren Kindern lieber noch eine Tablette mehr, kritisiert Clausen.

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Aber auch die psychologische Wirkung ist verheerend. Clausen: „Die Kinder erleben Tabletten, Kapseln und Pülverchen als Problemlöser. Das senkt die Hemmschwelle, solche Hilfsmittel dauerhaft einzunehmen, und steigert das Risiko einer möglichen Sucht.“


Hier gibt’s mehr Informationen

Die Ergebnisse des Nahrungsergänzungsmittel-Tests der Stiftung Warentest sind zum großen Teil im Internet kostenlos abrufbar: www.test.de, dann per Suchfunktion oder in der Rubrik „Tests + Themen“/„Kinder + Familie“. Eine Übersicht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zu Nahrungsergänzungsmitteln findet sich hier. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat unter dem Titel „Vitaminpillen gehören nicht in die Schultüte“ in einem kostenlosen Faltblatt und unter www.vz-nrw.de/vitaminpillen Wissenswertes zu Nahrungsergänzungsmitteln und Empfehlungen für eine gesunde Kinder-Ernährung zusammen-getragen. Parallel dazu gibt es die Ratgeber „Mahlzeit, Kinder!“ mit Tipps rund um eine ausgewogene Ernährung, mit Einkaufs- und Rezept-Tipps sowie „Bärenstarke Kinderkost“ (jeweils 9,90 Euro). Erhältlich sind die Bücher in den Beratungsstellen der Verbraucherzentrale oder, plus Versandkosten, unter www.vz-nrw.de/ratgeber bzw. telefonisch unter 01805/001433.

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