EHEC
Kaltplasma für sicheres Gemüse
19.10.2011
Von Anja Lang
Nach der jüngsten EHEC-Epidemie wird auf Hochtouren nach Möglichkeiten gesucht Obst und Gemüse noch sicherer zu machen. Denn über Boden und Gießwasser können auch Krankheitserreger auf Nutzpflanzen gelangen, die-wie im Fall von EHEC - lebensbedrohlich sein können. Sehr vielversprechend ist der Einsatz von Kaltplasma, das vorhandene Keime direkt nach dem Ernten entfernt und rohe Pflanzenprodukte dadurch noch sicherer macht.
Rohes Obst und Gemüse ist von sich aus nicht keimfrei. Es wächst auf dem freien Feld oder auch im Treibhaus und wird dort auf natürlichem Weg mit Bakterien, Schimmelpilzen, Hefen und anderen Mikroorganismen besiedelt. Bevor man also in die frische Gurke oder den Salat beißt, sollte man diese immer erstmal gründlich waschen.
Doch nicht alle Keime werden durchs Wasser entfernt. Hier hilft vor allem Erhitzen, denn bei Temperaturen von über 70 Grad Celsius gehen auch die hartnäckigsten Varianten „in die Knie“. Bei Gemüsesorten wie Spinat oder Kartoffeln ist das in der Regel kein Problem. Salat und Gurken aber verlieren beim Garen Form, Geschmack und vor allem die typische Knackigkeit.
In anderen Ländern werden deshalb zur Desinfektion von rohem Obst und Gemüse auch Chemikalien, wie zum Beispiel Chlor, eingesetzt. Doch die meisten Verbraucher hierzulande lehnen Chemie auf Naturprodukten ab. Seit Längerem wird deshalb nach Möglichkeiten gesucht, schädliche Keime von rohem Obst und Gemüse zu entfernen, ohne die Produkte dabei zu schädigen und irgendwelche Rückstände darauf zu hinterlassen.
Kaltplasma als Lösung
Ein neues und vielversprechendes Verfahren ist die Desinfektion mit kaltem Plasma. Plasma ist ein ionisiertes Gas, das nach dem Waschvorgang über das rohe Obst und Gemüse geblasen wird. Damit soll es möglich sein, Keime besonders schonend und sicher von frischem und minimal verarbeiteten Obst und Gemüse zu entfernen ohne Rückstände zu hinterlassen, wie Dr. Oliver Schlüter, Koordinator des Verbundprojekts Fri-Plas vom Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam betont. „Wir wissen, dass es funktioniert. In Tests haben wir bereits eine stark keimtötende Wirkung von Plasma auf das Darmbakterium E. Coli auf Feldsalat nachweisen können.“ Am Institut für medizinische Mikrobiologie der Universitätsmedizin Greifswald gelang es inzwischen auch den besonders agressiven EHEC-Erreger zu inaktivieren.
Die Desinfektion mit Kaltplasma ist dabei grundsätzlich nichts Neues. Man kennt sie allerdings bislang eher aus der Medizintechnik, wo sie zum Beispiel zur Unterstützung der Wundheilung eingesetzt wird. „Die Schwierigkeit beim Einsatz auf Obst und Gemüse besteht nun darin, dass wir es mit stark unterschiedlichen Arten an Pflanzen zu tun haben, die sich deutlich in Form, Größe, Oberfläche und Empfindlichkeit unterscheiden,“ betont Schlüter. „ Wir arbeiten mit Nachdruck daran mit Hilfe von Sensorsystemen die Höhe der jeweiligen mikrobakteriellen Belastung beim Waschen direkt am Produkt erfassen zu können, um dann anschließend nur noch soviel Plasma zuführen zu müssen, wie unbedingt nötig ist,“ erklärt der Experte.
Möglichst keimfrei bis zum Verbraucher
Damit das Produkt dann auch möglichst frei von Keimen in den Handel gelangen kann, muss es - nach der Plasmabehandlung – selbstverständlich noch sicher verpackt werden. Eigenhändiges Auswählen und Abwiegen, wie das die meisten im Supermarkt gewohnt sind, macht für desinfizierte Produkte keinen Sinn. Beim Transport mit LKW, Schiff oder Bahn dürfen keine hohen Temperaturen, z.B. durch Sonneneinstrahlung, herrschen, da sonst die Zahl der Keime wieder anwächst.
Und auch der Verbraucher selbst muss vernünftig handeln, indem er das Produkt nach dem Kauf möglichst schnell in den Kühlschrank befördert und nicht bei sommerlichen Temperaturen auf der Hutablage oder im Kofferraum schmoren lässt. Alles in allem also ein sehr vielversprechendes, aber auch etwas aufwändiges Verfahren, um rohes Obst und Gemüse sicherer zu machen. Angesichts der Gefahren im Falle von Epidemien – aber natürlich eine besonders wünschenswerte Alternative. „Zurzeit befinden wir uns noch im experimentellen Stadium. Es werden noch Monate bis Jahre vergehen, bis das Plasmaverfahren in industriellen Anlagen mit entsprechender Größe zum Einsatz kommt,“ erklärt Schlüter. Bis dahin werden wir uns also noch etwas gedulden müssen. Bleibt im konkreten Fall momentan also nur der alten Traveller-Maxime zu folgen: „Cook it, peel it or forget ist!“