Verbraucher können sich dieses Jahr auf steigende Strompreise einstellen. Mit der vorübergehenden Abschaltung alter Atomkraftwerke hat das aber nichts zu tun. Ganz verschiedene Faktoren sorgen dafür, dass Haushalte höhere Rechnungen begleichen müssen.
Die Mahnung der Energieriesen ist verfehlt: Angesichts der momentan extrem atomfeindlichen Haltung der Bevölkerung nehmen die Konzernchefs und Lobbyisten die vorübergehende Abschaltung von sieben Alt-AKW zwar hin, warnen aber vor steigenden Preisen. Das ist politisches Ballyhoo, nicht mehr als eine taktische Drohgebärde. Durch das Atom-Moratorium sinke das Stromangebot. Das führe an den Großhandelsmärkten zu steigenden Preisen, begründet Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des Lobbyverbandes BDEW, und präzisiert, der Aufschlag liege bei bis zu zwölf Prozent.
Richtig ist: Verbraucher müssen zwar damit rechnen, dass sie 2011 laut BDEW gut fünf Prozent mehr für Elektrizität als 2010 berappen müssen. Doch das hat wenig mit dem dreimonatigen Aus für Neckarwestheim, Philippsburg, Biblis oder dem Meiler Unterweser zu tun. Da der Produktionsstopp die Konzerne jedoch täglich Millionen kostet, wird die Geizkarte konsequent gespielt.
Preisfaktoren werden verschleiert
Was also sind die wahren Gründe für höhere Stromkosten? Punkt eins: 2011 dürften Steuern und Abgaben einen so hohen Anteil am Strompreis haben wie noch nie. Auf 46 Prozent wird die Belastung durch Ökosteuer (EEG-Umlage), Mehrwertsteuer sowie aus dem sogenannten Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz geschätzt. 2010 hatte der Wert bei 41 Prozent gelegen. Vor allem aber die Förderung der Öko-Energien „taugt nicht als Sündenbock“, sagt Jörg Mayer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien. Denn während der Strompreis bei einem Durchschnittshaushalt in den letzten Jahren um 30 Euro gestiegen sei, habe die EEG-Umlage nur um fünf Euro zugelegt, erläuterte Björn Klusmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, im ZDF.
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Versorger verlangen ständig mehr
Die Energiekonzerne haben tatsächlich mächtig zugelangt. Statt die durch Wirtschaftskrise und geringeren weltweiten Nachfrage gesunkenen Beschaffungskosten aus den Jahren 2008, 2009 und 2010 an die Verbraucher weiterzureichen, wurde immer mehr für Strom gefordert. Alleine 2008 sanken die Preise an der Leipziger Strombörse um 30 bis 40 Prozent. Da Konzerne langfristig Energiemengen einkaufen, müssten Verbraucher alleine durch diesen Gewinn heute fast einen Cent weniger pro Kilowattstunde bezahlen. Doch stattdessen hoben Anfang 2011 laut Verbraucherportal Verivox über 600 Versorger ihre Preise um durchschnittlich sieben Prozent an. Weitere Aufschläge zum 1. April sowie zum 1. Mai 2011 sind angekündigt und werden – wen wundert es – mit der Förderung von Öko-Energie begründet. Die undurchsichtige Preispolitik der Branche ist folglich wesentlicher Faktor für den steil aufwärts gehenden Kostentrend.
Netzausbau kostet Milliarden
Die Stromkosten dürften 2011 sowie in den kommenden Jahren auch deshalb zulegen, weil die Europäische Union ihre Mitgliedsländer verpflichtet hat, die Netze zu modernisieren. „Sonst ist die Gefahr eines Stromausfalls sehr real“, so EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Der Ausbau heimischer Leitungen und Speicherkapazitäten, die unter anderem von RWE und EnBW getragen werden muss, dürfte laut Oettinger „die Kilowattstunde um ein bis zwei Cent verteuern“. Wird dieser Wert zugrunde gelegt, müsste ein Vierpersonen-Haushalt mit einem Verbrauch von 4.500 Kilowattstunden bis zu 90 Euro mehr für Elektrizität jedes Jahr überweisen.
Verbrauch steigt in Deutschland
Dass private Stromkosten mit dem jeweiligen Verbrauch korrespondieren, darauf weist der Energieexperte Ortwin Renn hin. Viele Bürger würden zwar inzwischen Energiesparlampen in die Fassung schrauben, ließen diese aber anschließend viel länger brennen, so Renn. Die Daten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) belegen: 2010 war der Stromverbrauch in allen Monaten höher als im Jahr davor. Weniger Elektrizität aus Steckdosen zapfen, ist also ein Tipp, der das Portemonnaie sicher schont. Einen neuen Stromanbieter wählen, ist ein zweiter. Denn beim Wechsel etwa von der Grundversorgung in den günstigsten Tarif vor Ort lassen sich pro Jahr einige Hundert Euro sparen. Testen Sie es selbst – im biallo-Stromrechner.
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